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Re-Read: Die Unendliche Geschichte (2)

Teil 2: Zeitlos und trotzdem immer noch aktuell

Michael Ende "Die Unendliche Geschichte" © 2019 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart, gebundene Ausgabe 2019
Michael Ende „Die Unendliche Geschichte“ © 2019 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart, gebundene Ausgabe 201

Die Geschichte um Atréju und Bastian ist nicht nur einfach ein Abenteuer, es ist zeitlos und noch viel mehr. Es ist die Suche nach dem wirklich wahren Wunsch, aber nicht nach oberflächlichen Wünschen die uns augenscheinlich Freude machen sollen wie schöner, stärker und mächtiger zu werden. Sondern der Wunsch lieben und lieben zu können.

Es gab in der Welt tausend und tausend Formen der Freude, aber im Grunde waren sie alle eine einzige, die Freude lieben zu können. Beides war ein und dasselbe.“

Michael Ende “Die Unendliche Geschichte”, S. 463 (Gebundene Ausgabe © 2019 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart)

Es ist von Michael Ende ein Appell an die Menschheit gegen Egoismus und für mehr Liebe und Aufmerksamkeit zueinander. Der Weg dahin, um dieses Glück und diesen Wunsch zu erreichen, ist unerheblich, denn

[..] jeder Weg, der dorthin führt, war am Ende der richtige.”

Michael Ende “Die Unendliche Geschichte”, S. 436 (Gebundene Ausgabe © 2019 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart)

Diesen Weg können wir aber nur beschreiten, wenn wir unsere Phantasie bewahren und ihr Glauben schenken, denn ohne Phantasie wird die Menschheit sterben und nicht mehr in der Lage sein können zu Lieben und Liebe zu schenken. Ohne Phantasie werden wir alle zu Lügen, denn dann belügen wir uns selbst.

Deshalb hassen und fürchten die Menschen Phantásien und alles, was von hier kommt. Sie wollen es vernichten. Und sie wissen nicht, dass sie gerade damit die Flut von Lügen vermehren, die sich ununterbrochen in die Menschenwelt ergießt – diesen Strom aus unkenntlich gewordenen Wesen Phantásiens, die dort das Scheindasein lebender Leichname führen müssen und die Seelen der Menschen mit ihrem Modergeruch vergiften. [..].”

Michael Ende “Die Unendliche Geschichte”, S. 158 (Gebundene Ausgabe © 2019 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart)

In diesem Gespräch mit Gmork, dem Werwolf, schleudert uns Ende seine Kritik an die Gesellschaft, an die machtbesessene und verlogene Menschenwelt entgegen. Trotzdem die Geschichte vor 40 Jahren entstanden ist, hat sie heute nichts an Aktualität verloren. Nein, ich behaupte sogar, sie ist inzwischen noch brandaktueller geworden!

In einem anderen Gespräch unterhalten sich Fuchur und Atréju über die Macht von AURYN und Atréju fragt, wer die Kindlicher Kaiserin in Wirklichkeit ist:

[..] “Niemand in Phantásien weiß es, niemand kann es wissen. Es ist das tiefste Geheimnis unserer Welt. Ich habe einmal einen Weisen sagen hören, wer es ganz verstehen könne, der würde damit sein eigenes Dasein auslöschen. [..]”

Michael Ende “Die Unendliche Geschichte”, S. 175 (Gebundene Ausgabe © 2019 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart)

Was für eine Aussage, was für eine Brisanz. Denn für mich sagt Michael Ende hier eindeutig, dass die Suche nach dem Ich, oder Gott oder “dem Höheren”, “dem Übermächtigen” gar keinen Sinn macht. Denn es wird niemanden geben, der die Frage danach richtig beantworten kann, was wir sind oder wer Gott ist. Für mich eine ganz klare Botschaft, das Leben so anzunehmen und zu akzeptieren, wie es ist, die Phantasie zu erleben und nicht den wahren Zweck zu hinterfragen.

Welche ist Deine Kernbotschaft?

Gerade weil Michael Ende sich geweigert hat über die Kernbotschaft der unendlichen Geschichten eine Aussage zu machen, zeigt mir das, dass jeder für sich seine Kernbotschaft aus diesem Roman ziehen muss. Denn darum geht es ja, mit seiner eigenen Phantasie seine Ziele und Wünsche zu verwirklichen. Jeder soll sich seine eigene Phantasie bewahren und jeder muss seinen eigenen Weg finden. Aber es besteht auch die Gefahr, sich in der Phantasie zu verlieren. Nein, die richtige Balance zwischen Phantasie und Realität ist wichtig.

Diese Geschichte strotzt nur so vor Botschaften, such Dir die Botschaft aus, die Du im Moment brauchst und es ist Dir frei, diese für dich zu interpretieren!


Im letzten Teil zeige ich Euch die für mich wichtigsten Unterschiede zwischen dem Hörspiel von 1980 und dem Buch.

» Teil 1: 40 Jahre Die Unendliche Geschichte

Teil 2: Zeitlos und trotzdem immer noch aktuell

» Teil 3: Unterschied Hörspiel (1980) & Buch


Michael Ende "Die Unendliche Geschichte" © 2019 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart, gebundene Ausgabe 2019

Copyright: © 2019 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH Stuttgart

Gesamtaustattung: Eva Schöffmann-Davidov

» Offizielle Autorenhomepage Michael Ende
» Autorenseite bei Thienemann


  • Michael Ende (Autor), Eva Schöffmann-Davidov (Illustration)
  • Gebundene Standardausgabe: 480 Seiten
  • Verlag: Thienemann-Esslinger Verlag GmbH Stuttgart
  • Ausgabe: 15.01.2019 (Erstausgabe: September 1979)
  • ISBN: 978-3-522-20260-2
  • Genre: Fantasy, Jugendroman, Kinderbuch
  • Empfohlenes Alter: Jedes Alter!

Veröffentlicht von

Nana Shar

Mit etwas über 40 Jahren auf dieser Welt lebe ich mit meiner Familie und einem Hund in Bayern. Am liebsten lese ich im Moment Romantasy, Jugendbücher, Fantasy, Young Adult und New Adult. Mir gefällt vor allem die Mischung aus Spannung und Romantik. » Alle Beiträge von Nana Shar

4 Gedanken zu „Re-Read: Die Unendliche Geschichte (2)“

  1. Huhu liebe Nana!
    Ein toller Beitrag – mit der unendlichen Geschichte verbinde ich so so viel Kindheitserinnerungen. Meine Mama hat mir die Geschichte immer wieder vorgelesen ❤️ Schön find ich auch, wie du manche Stellenn interpretierst. Ich gebe zu, so weit hab ich noch nie gedacht. Ich sollte das Buch bald nochmal lesen 🙂

    Alles liebe!
    Gabriela

    1. Meine Liebe!
      Ja, es hat mich selber auch sehr überrascht, wie viel mehr ich noch im Buch interpretiert habe. Die Geschichte begleitet mich ja schon so lange und es gab trotzdem immer noch so viele Stellen, die mich heute noch mehr berührt haben. Oder zumindest habe ich heute einen anderen Blickwinkel und Erfahrung. Und ich habe mir auch mehr Zeit genommen.
      Ich kann es nur empfehlen, es noch mal zu lesen.

      Liebe Grüße
      Deine Nana

  2. Ein schöner Beitrag! Ich finde es toll, deine Rückkehr nach Phantásien hier zu verfolgen. 🙂 Du hast es in deinem Artikel auch tatsächlich geschafft, ein paar Ansichten/ Interpretationen aufzugreifen, die ich noch nicht gesehen habe – obwohl ich das Buch schon über zehnmal gelesen habe! Doch das zeigt am Ende ja nur, wie vielfältig das Buch ist und dass die Geschichte für jeden etwas ganz eigenes ist. Ich habe es in der 4. oder 5. Klasse zum ersten Mal gelesen und für mich war die Geschichte immer ein Appell, sich die Fantasie zu bewahren, aber auch, sich selbst treu zu bleiben und eine Erinnerung daran, worauf es im Leben ankommt (Familie, Freunde) und dass wir schätzen sollen, was wir haben und wer wir sind. Und vor allem war es auch ein klares Signal, dass es im Leben nicht um Anerkennung und Äußerlichkeiten oder das Erfüllen bestimmter Erwartungen geht, sondern dass die inneren Werte zählen und uns ausmacht, wie wir mit uns und anderen umgehen.

    1. Liebe Kathrin,
      vielen lieben Dank für Dein Kommentar! Ich habe bei dem Re-Read die Geschichte sehr bewusst gelesen und sehr intensiv empfunden. Das ist ja das Schöne, dass Michael Ende so viele Ansichten und Interpretationsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt hat, ohne sich selber über seine Interpretation der Unendlichen Geschichten zu äußern. Das gibt jedem Leser den Freiraum, sich seine eigene Botschaften aus der Geschichte zu ziehen, analog zu seinem Zitat: „Tu, was Du willst.“ Deine Auslegung ist genauso richtig wie jede andere. Ach, ich könnte noch ganz viel über dieses Buch erzählen! Aber ich freue mich, dass Dir mein Artikel gefällt!
      Viele liebe Grüße
      Nana

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