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Re-Read: Die Unendliche Geschichte (3)

Teil 3: Unterschied Hörspiel (1980) & Buch

Michael Ende "Die Unendliche Geschichte" © 2019 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart, gebundene Ausgabe 2019
Michael Ende „Die Unendliche Geschichte“ © 2019 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart, gebundene Ausgabe 2019

Obwohl Michael Ende am Manuskript für das Hörspiel selber mitgearbeitet hat, gibt es gewaltige Unterschiede zwischen Hörspiel und Buch. Trotzdem liebe ich das Hörspiel immer noch, alleine auch schon die Sprecher und die Musik von Frank Duval sind mir so in mein Unterbewusstsein eingebrannt, dass ich anfangs beim Lesen richtig Probleme hatte. Denn anstatt mit meiner inneren Stimme haben die Figuren mit den Stimmen aus der Vertonung in meinem Kopf gesprochen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich das abstellen konnte und in den Fluß der Geschichte eintauchen konnte.

Der Unterschied besteht aus den Szenen, die für das Hörbuch herausgestrichen wurden. Ich kann nicht alles aufzählen, aber die für mich wichtigsten Szenen möchte ich gerne erläutern.

Als allererstes fehlen mir die Drei Magischen Tore, die Atréju durchschreiten muss, um zum Südlichen Orakel zu gelangen. Im Hörspiel wacht Atréju nach Ygramul, die Viele nur bei einem Einsiedler auf und geht direkt zur Uyulála. Dabei ist gerade dieses Abenteuer so wichtig für das gesamte Buch. Denn hier wird ganz deutlich gemacht, welches Verhältniss Atréju zu Bastian hat. Bastian ist Atréjus “wahres Ich”. Atréju ist der Typ Junge, den sich Bastian so dringend wünscht selber zu sein, sein Alter Ego. Das wird so deutlich, weil Atréju in dem Spiegel nur sein wahres inneres Wesen sehen kann, und er sieht Bastian. Für das Ohne-Schlüssel-Tor muss Atréju sein Gedächtnis verlieren und sich von Bastians Willen leiten lassen, um durch die Pforte schreiten zu können. Welch ein Vertrauen schenkt Atréju seinem wahren Ich, der ihm den richtigen Weg leitet.

Auch der Wegfall von Amargánth, der Silberstadt, finde ich sehr schade. Deswegen mussten auch die Drei Helden Hýkrion der Starke, Hýsbald der Flinke und Hýdorn der Zähe aus dem Buch komplett gestrichen werden.

Dann gab es im Buch noch die Acharai, die Bastian durch einen Wunsch zu den Schlamuffen verwandelt hat, die im Hörspiel gestrichen wurden. Dabei sind die gar nicht so unwichtig, denn Michael Ende zeigte mit dieser Verwandlung der armen Acharai-Würmer, dass Bastian ohne Weitsicht gehandelt, nur um seine Macht, bzw. die Macht von AURYN zu präsentieren, weil er unbedingt großmütig sein möchte. Er zerstört damit nicht nur die Existenz der Silberstadt – denn diese lebt von den salzigen Tränen der Acharai – sondern verändert damit die Bestimmung der Wesen. Sie werden zu lächerlichen Clowns. Er meint ihnen damit einen großmütigen Gefallen getan zu haben, aber später wird deutlich, welchen egoistischen Eingriff er damit getan hat, ohne auch über die Konsequenzen nachzudenken. Das ist die Kehrseite von AURYN und dem wahllosen “Tun, was man will”. Denn all diese Wünsche, schön sein, stark sein, großmütig sein hat nichts mit dem wahren Wunsch zu tun.

Besonders schade finde ich auch den Wegfall von Yor und dem Bergwerk Minroud aus dem Hörspiel. Hier verliert Bastian endgültig seine letzte Erinnerung an die Menschenwelt, seinen Namen. Um zurück in die Menschenwelt zu kommen, muss er eine Erinnerung im Bergwerk suchen, von der er gar nicht weiß, dass sie mal in seinem Gedächtnis existiert hat. Um diese zu finden, muss er sich ganz auf sein Gefühl verlassen. Das ist unheimlich bewegend.

Die Unendliche Geschichte – der Film

Ich hatte mich damals als Kind geweigert den Film im Kino zu sehen, denn ich wollte mir durch die vorgekauten Bilder meine eigenen Bilder in meiner Fantasie nicht zerstören lassen. Und ich sollte Recht behalten, denn Jahre später hatte ich dann zufällig den Film im Fernsehen gesehen und war furchtbar enttäuscht. Soweit ich weiß, war selbst Michael Ende nicht begeistert über den Film, dies ist aber nur Hörensagen. Aber wenn es stimmt, dann kann ich ihm nur voller Inbrunst beipflichten.

Ich will auf den Film gar nicht näher eingehen, zumal ich ihn nur ein Mal gesehen habe.

Immer unendlich

Ach, es gibt noch so viel über dieses Buch zu erzählen. Natürlich habe ich bei Artaxs Abschied in den Sümpfen der Traurigkeit Rotz und Wasser geheult. Genauso wie in dem Moment, als Bastian zurückkehrt zu seinem Vater, und dieser weint, als Bastian ihm seine ganze Geschichte erzählt. Aber das alles würde nur noch den Rahmen hier sprengen.

Ich kann Euch nur sehr innig ans Herzen legen, die Unendliche Geschichte zu lesen, wenn ihr sie noch nicht kennen solltet. Und wenn ihr sie doch schon kennt, dann lest sie noch mal, denn jeder Ausflug nach Phantásien ist ein Ausflug in ein Reich voller Zauber, Magie und zu deinem wahren inneren Ich.


Dies ist das Ende meiner Artikel-Reihe zu “Die Unendliche Geschichte” und ich danke noch mal dem Thienemann Verlag für das Rezensionsexemplar. Obwohl ich das Hörspiel auswendig kenne und das Buch wieder mal sehr intensiv gelesen und genossen habe, beschäftigt es mich immer wieder und ist Teil meines Lebens geworden. Und wird es auch immer bleiben.

» Teil 1: 40 Jahre Die Unendliche Geschichte

» Teil 2: Zeitlos und trotzdem immer noch aktuell

Teil 3: Unterschied Hörspiel (1980) & Buch


Michael Ende "Die Unendliche Geschichte" © 2019 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart, gebundene Ausgabe 2019

Copyright: © 2019 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH Stuttgart

Gesamtaustattung: Eva Schöffmann-Davidov

» Offizielle Autorenhomepage Michael Ende
» Autorenseite bei Thienemann


  • Michael Ende (Autor), Eva Schöffmann-Davidov (Illustration)
  • Gebundene Standardausgabe: 480 Seiten
  • Verlag: Thienemann-Esslinger Verlag GmbH Stuttgart
  • Ausgabe: 15.01.2019 (Erstausgabe: September 1979)
  • ISBN: 978-3-522-20260-2
  • Genre: Fantasy, Jugendroman, Kinderbuch
  • Empfohlenes Alter: Jedes Alter!

Veröffentlicht von

Nana Shar

Mit etwas über 40 Jahren auf dieser Welt lebe ich mit meiner Familie und einem Hund in Bayern. Am liebsten lese ich im Moment Romantasy, Jugendbücher, Fantasy, Young Adult und New Adult. Mir gefällt vor allem die Mischung aus Spannung und Romantik. » Alle Beiträge von Nana Shar

2 Gedanken zu „Re-Read: Die Unendliche Geschichte (3)“

  1. ❤️ So so schön, wie du nochmal all diese kleinen Details hervorholst, die ich schon fast vergessen hatte. Dankeschön! Und sehr traurig, dass so viel storyrelevantes aus dem Hörbuch gestrichen wurde.

    Liebe Grüße!
    Gabriela

    1. Meine Liebe,
      ja, mir wurde das auch erst wirklich bewusst, als ich das Buch jetzt noch mal so intensiv gelesen habe. Die Hörspiel-Story ist zwar schon stimmig, und die Message von Michael Ende kommt schon zum Teil gut rüber. Aber das Hörspiel kann das Buch nicht ersetzen.

      Mein Traum wäre ja eine Neuauflage von dem Hörspiel mit den gleichen Stimmen und der gleichen Musik…, aber dann das gesamte Buch.

      Liebe Grüße
      Deine Nana

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