Buchrezension Bild: vecteezy by MoonStarer, Font: ShellaheraScriptDemo.otf by Ryan Prasetya (DaFont)

Rezension: Cassardim – Jenseits der goldenen Brücke

Fulminantes Fantasy-Young-Adult-Epos in einer überwältigenden neuen Welt

Julia Dippel - "Cassardim - Jenseits der goldenen Brücke" © 2019 Planet! (Thienemann-Esslinger Verlag GmbH)
Julia Dippel – „Cassardim – Jenseits der goldenen Brücke“ © 2019 Planet! (Thienemann-Esslinger Verlag GmbH)

Als Mitglied der CASSARDIM-Delegation durfte ich diesen Roman schon vorab lesen. Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle an den Thienemann-Esslinger Verlag für das Rezensionsexemplar! 

Da ich die Autorin Julia Dippel schon von ihrer Romantasy-Reihe “Izara” her kenne und davon absolut begeistert war, war dieses Privileg eine große Ehre für mich! Aber ich möchte betonen, dass ich dieses Buch unvoreingenommen und nach meinem persönlichen Empfinden bewerte. Es ist halt so, dass Julia tatsächlich mit ihrem Stil, Witz und Fantasie genau meinen Nerv trifft. Das schaffen in letzter Zeit nicht so viele Autoren. Und ich habe dieses Buch wortwörtlich verschlungen! Es hat mich sofort mitgezogen und nicht mehr losgelassen.

Coverbild

Vor dem Hintergrund der Stufen einer Brücke mit wuchtigen Steinfiguren steht mit dem Rücken zu uns ein dürres Mädchen in einem goldglänzenden Seidenkleid. Ihr, zu dem Betrachter gedrehtes Gesicht, wirkt ausgemergelt, blass und mit tiefen Schatten um die Augen. Auf der Höhe des Hinterteils ist der Name der Autorin platziert, darunter sehen wir über die gesamte Breite den Titel “CASSARDIM” in einer luftigen Antiqua. Völlig deplatziert, und wie ein Fremdkörper wirkend, rankt sich um den Namen der Autorin ein Rahmen aus glänzend poliertem Holz im Jugendstil-Dekor. Wozu? Der Sinn dieses “antiken Arschgeweih”  bleibt mir einfach verschlossen. 

Leider ist das gesamte Cover ein großer Dorn in meinem Auge. Dieses Cover kann überhaupt nicht das transportieren, was diese Geschichte wirklich ist. Es erinnert mich an einen opulenten, todlangweiligen Familientragödien-Historienschinken. NEIN, das ist dieses Buch definitiv NICHT! Bitte lasst Euch von diesem Bild nicht in die Irre führen und vertraut auf Euren Instinkt wenn ihr den Namen “Julia Dippel” hört und Eure Erfahrung mit “Izara”! Und wer selbst Izara noch nicht kennt, dem kann ich nur empfehlen dies schleunigst nachzuholen!

Handlung

Die gerade 16 gewordene Amaia und ihre 5 unterschiedlichen Geschwister sind nicht menschlich und sie altern nur sehr langsam und müssen immer wieder von einem Ort zum anderen ziehen. Amaia spürt, dass die Eltern ein großes Familiengeheimnis mit aller Kraft verschleiern, denn sie werden von den Eltern in ihren Gedanken und Erinnerungen manipuliert. Auf ihren Bemühungen, hinter dieses Geheimnis zu kommen, fällt ihr der mysteriöse Noár in die Hände. Von den älteren Brüdern gefangen genommen, wird er jede Nacht von den Eltern gefoltert. Aber ihre Chance wird durch einen brutalen Angriff von fremden Männern auf die Familie vereitelt und plötzlich muss Amaia ihr Leben und das ihrer Geschwister in die Hände des geheimnisvollen Noár legen. Er hilft den Geschwistern zur Flucht und bringt sie in ein Land voller fantastischer Landschaften und seltsamen Geschöpfen: Cassardim. Eine Welt hinter dem Jenseits, das Reich der Toten. Doch Amaia wird mitten in Intrigen, Lügen, Geheimnisse und verfeindete Fürstenhäuser geworfen. Ob sie nun endlich Antworten auf ihre Fragen findet?

Buchlayout

Da ich als Delegierte vorab nur die digitale Rohfassung der gebundenen Ausgabe erhalten habe, kann ich zur Ausgestaltung nur wenige Angaben machen. Die über 500 Seiten werden in 33 Kapitel eingeteilt. Ein ausführliches Glossar rundet das Buch noch ab. Die Kapitel werden, wie bei Julia Dippel gewohnt, mit einem kurzen Satz oder Spruch eingeleitet, und haben meistens mit einem bekannten Sprichwort mit ironischem Unterton zu tun. 

Idee / Plot

Es gibt viele Geschichten um die Mythologie der Unterwelt, der Ort nach dem Tod, an dem die Seelen gerichtet werden. Sei es Engelsgeschichten oder die Sagen der großen antiken Kulturen. Aber Julia Dippel hat hier eine wahnsinnig fantasievolle und mannigfaltige neue Welt geschaffen. Hier geht es nicht nur um die armen Seelen verstorbener Menschen, die vom höchsten Gericht ihre nächste Bestimmung erhalten, sondern um ein völlig eigenständiges Reich. Leider fällt es mir schwer hier mehr zu erzählen, da ich sonst ein wenig spoilern müsste, da es viele Zusammenhänge gibt, die sich erst über die Geschichte aufzeigen und erklären. Es ist ein fulminantes Fantasy-Young-Adult-Epos in einer kreativen und überwältigenden neuen Welt. 

Emotionen / Protagonisten

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich bin überwältigt von der Vielfalt der Figuren, die Julia zum Leben erweckt hat. Und sie spielt gekonnt das Wechselbad von Sympathie/Antipathie über das gesamte Buch aus. Wem kann man trauen, wer führt was im Schilde und auf welcher Seite steht er? Dabei hat jede Figur ihren ganz eigenen Charakter erhalten.

Amaia ist ein junges, neugieriges Mädchen, das über das Buch hinweg immer mehr an Selbstbewusstsein gewinnt. Anfangs stolpert sie in der ihr unbekannten Welt mit den vielen neuen und eigenartigen Bräuchen von einer Intrige zum anderen faux-pas. Aber sie stellt sich ihren Herausforderungen und wächst an ihnen über sich selbst hinaus. Auch sie ist nicht auf den Mund gefallen, und kann im richtigen Moment ganz schön zurück schießen. 

„Hey du!“, rief ich einem der Goldkrieger zu, die mich bewachten. „Bring das* dem Prinzen und sag ihm, in seinem Herzen steckend würde ich das Geschenk annehmen“

*) Anmerkung der Redaktion: Dolch

Julia Dippel “Cassardim – Jenseits der goldenen Brücke”, S. 341 (Gebundene Ausgabe © 2019 Planet! im Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart)

Und doch ist sie oft sehr fürsorglich und liebevoll. Mir tut sie in dem Pinp-Pong der Emotionen auch wirklich leid und ich kann ihr oft sooo sehr mitfühlen.

Noár ist zunächst Amaias Rettungsanker, nachdem sie ihre Heimat und Eltern in der Menschenwelt verloren hat. Doch seine penetrant arrogante und überhebliche Art macht es ihr schwer, hinter seine Fassade blicken zu können. Manchmal blitzen so Momente auf, die er aber im nächsten Atemzug mit einem Wisch rigoros zur Seite fegt und er dadurch seine Unheimlichkeit und Unberechenbarkeit noch mehr zum Ausdruck bringt. Mir ist mehr als einmal förmlich das Herz stehen geblieben.

Handlungsaufbau / Spannungsbogen

Wie von Julia Dippel gewohnt steigen wir gleich in die Handlung ein. Von Anfang an erhält die Geschichte eine konstante Spannung, vorangetrieben durch das Familiengeheimnis, dem wir mit Amaia gemeinsam auf die Spur kommen wollen. Julia Dippel schmeißt uns geschickt über das Buch hinweg immer nur kleine Wissenshäppchen hin. Die Autorin gönnt uns kaum Verschnaufpausen und treibt dabei das Gefühlschaos zwischen den Protagonisten immer weiter in die Höhe, bis irgendwann mein kleines unschuldiges Herz förmlich stehen bleibt. Zum Schluß hin erleben wir mit Amaia einen wahnsinnig fulminanten und mitreißenden Showdown, bei dem die Emotionen Achterbahn gehen.

Es fühlte sich an, als würden all meine Nerven auseinandergerissen, wieder zusammengesetzt und anschließend erneut zerfetzt werden. Ich erfror und verbrannte. Ich erstickte und ertrank. Ich starb und wurde wiedergeboren.“

Julia Dippel “Cassardim – Jenseits der goldenen Brücke”, S. 485 (Gebundene Ausgabe © 2019 Planet! im Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart)

Mir gefällt besonders gut, dass das Abenteuer in diesem Band zu einem Abschluss gekommen ist und meine Fragen alle beantwortet wurden. Es gibt also keinen (fiesen) Cliffhanger, die Geschichte hält aber doch noch einige offene Hintertürchen für eine Fortsetzung bereit.  

Szenerie / Setting

Julia Dippel schickt uns mit dieser Geschichte ins Reich der Toten und präsentiert uns eine Landschaft, die unterschiedlicher nicht sein könnte. Cassardim beherbergt mehrere Völker, die auf unterschiedlichen Territorien leben. Jedes Land ist so magisch wie faszinierend. Dabei kann mir Julia durch ihre sehr bildhaften Beschreibungen die Landschaften klar vor Augen führen, ohne mich mit ausschweifenden Umschreibungen zu überhäufen. Sie hat dabei eine epische Fantasy-Welt geschaffen, in der die Bewohner ebenfalls charakterlich einzigartig, mystisch und faszinierend sind. 

Julia sind die Analogien zu vielen namhaften Romanen und Fantasywelten durchaus bewusst, und kann diese aber auch gekonnt und mit der richtigen Portion Selbstironie auf die Schippe nehmen.  

Damit blieb uns nur der Gänsemarsch über den seltsamen Felsvorsprung. Ha! Fehlte gerade noch, dass eine einsame Geige das Gefährten-Thema aus Herr der Ringe einspielte. Zu meiner Stimmung hätte es auf jeden Fall gepasst.”

Julia Dippel “Cassardim – Jenseits der goldenen Brücke”, S. 152 (Gebundene Ausgabe © 2019 Planet! im Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart)

Sprache / Schreibstil

Wie für Young Adult typisch hat die Autorin den Ich-Erzähler aus der Perspektive der Protagonistin im Präteritum gewählt.

Man merkt, dass Julia Dippel eine Bühnenkünstlerin ist, die gerade im visuellen und textlichen Bereich sehr stark ist. Das kann sie perfekt zu Papier bringen. Ihre Sprache ist so metaphernreich, humorvoll, sarkastisch und trotzdem pointiert. Sie weiß mit wenigen sprachlichen Mitteln und visuellen Anreizen den Inhalt bildhaft und prägnant darzustellen. Dabei verflechtet sie in dieses Fantasy-Setting geschickt immer wieder Elemente aus der “Menschenwelt” auf sehr humorvolle Art. Das macht das Ganze einfach super erfrischend!

Das hieß, er überwachte mich wie einen verdammten Chihuahua, den man gechipt hatte?!“

Julia Dippel “Cassardim – Jenseits der goldenen Brücke”, S. 328 (Gebundene Ausgabe © 2019 Planet! im Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart)


Julia Dippel - "Cassardim - Jenseits der goldenen Brücke" © 2019 Planet! (Thienemann-Esslinger Verlag GmbH)
Julia Dippel – „Cassardim – Jenseits der goldenen Brücke“ © 2019 Planet! (Thienemann-Esslinger Verlag GmbH)

Copyright: Julia Dippel © 2019 Planet! Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
Umschlaggestaltung: Carolin Liepins

» Autorenseite Julia Dippel bei Thienemann-Esslinger Verlag
» Homepage Julia Dippel (IZARA)

  • Julia Dippel (Autor), Carolin Liepins (Illustrator)
  • Erscheinungsdatum: 17. Oktober 2019
  • Hardcover: 528 Seiten
  • Verlag: Planet!
  • ISBN: 978-3-522-50645-8
  • Genre: Jugendroman, Romantasy
  • Empfohlenes Alter: ab 14 Jahren

Rezensionen meiner Bloggerkolleg*innen:

» Verena von Lieblingsleseplatz

Delegationsmitglieder:

CASSARDIM-Delegation - Zeichnung © 2019 Julia Dippel
CASSARDIM-Delegation – Zeichnung © 2019 Julia Dippel

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Meine Bewertungen
  • Cover
  • Idee / Plot
  • Handlungsaufbau / Spannungsbogen
  • Szenerie / Setting
  • Emotionen / Protagonisten
  • Sprache / Schreibstil
4.5

FAZIT

Ich bin zerbrochen und wieder zusammengefügt. Von der Klippe gestoßen und in weichen Armen gelandet. Es ist episch, fantastisch, aufregend und genial! Wer Izara liebt, wird hier auf seine volle Kosten kommen und in eine mystische Welt voller Geheimnissen und spannenden Charakteren abtauchen. Lasst Euch von Julia in die Welt von Cassardim entführen:

„Wieder wurde ich hochgehoben und weitergereicht. Ich fühlte mich wie ein Sack Mehl, entführt von einer Truppe Ninjas.“

Julia Dippel “Cassardim – Jenseits der goldenen Brücke”, S. 411 (Gebundene Ausgabe © 2019 Planet! im Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart)

Veröffentlicht von

Nana Shar

Mit etwas über 40 Jahren auf dieser Welt lebe ich mit meiner Familie und einem Hund in Bayern. Am liebsten lese ich im Moment Romantasy, Jugendbücher, Fantasy, Young Adult und New Adult. Mir gefällt vor allem die Mischung aus Spannung und Romantik. » Alle Beiträge von Nana Shar

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